Zum dritten Mal findet nun in Hamburg-Wilhelmsburg das Dockville-Festival statt. Auf den ersten Blick scheint es so, als ob man nichts schlechtes daran finden kann, dass MusikerInnen und KünstlerInnen eine Möglichkeit geboten wird, sich und ihre Arbeiten bei einem groß angelegten OpenAir zu präsentieren. Aber wieso findet das Dockville gerade seit drei Jahren in Hamburg-Wilhelmsburg statt? Wer finanziert und veranstaltet das Festival eigentlich – und warum? Mehr...
Die Coautoren und Mitherausgeber des Buches die anderen – Widerstand und Verfolgung in Harburg und Wilhelmsburg sprechen über den in der Bundesrepublik dem zwanghaften Vergessen verordneten Widerstand der ArbeiterInnen gegen den Nationalsozialismus. Ihre Verfolgung war gleichbedeutend mit der Ausradierung der stärksten Opposition gegen den Faschismus und der Auftakt zum größten Menschenheitsverbrechen, begangen unter der Leitung der westlich-aufgeklärten Gesellschaftseliten in einem der technisch-ökonomisch am weitesten entwickelten Staaten der Welt.
Ort: Bürgerhaus Wilhelmsburg (Mengestr. 20)
Beginn: 19.30 Uhr
Wilhelmsburg ist über die letzten Jahre immer weiter in den Fokus der Stadtentwicklungspolitik des Senats geraten. Das aktuellste Beispiel ist die Stadtteilaufwertung im Rahmen des "Sprunges über die Elbe", der IBA und der igs. Dazu kommt die Hafenentwicklung, die das Leben hier schon weit länger beeinträchtigt. Aber was sind die Folgen von Hafenentwicklung und Stadtteilaufwertung für Wilhelmsburg und seine BewohnerInnen? Dominiert der Hafenausbau die Stadtplanung oder die Stadtentwicklung den Hafenausbau? Wird der Konflikt zwischen sozialen Anforderungen des Stadtteils und den mächtigen Interessen der Hafenwirtschaft sowie den Unternehmen, die von der Stadtentwicklung profitieren, wieder im Sinne der ökonomischen Interessen und damit letztlich gegen die Bedürfnisse der Menschen entschieden?
Ort: Bürgerinitiative Ausländische Arbeitnehmer e.V. (Rudolfstr. 5)
Beginn: 19.30 Uhr
Der Autor des Buches Die radikale Linke als Massenbewegung – Kommunisten in Harburg-Wilhelmsburg 1918-1933 stellt die zeitgenössischen Konflikte um Arbeits- und Lebensbedingungen dar. Während die KPD ihre Massenpolitik an der Basis orientierte und professionalisierte, verfolgten SPD und die von ihr dominierten Gewerkschaften die gezielte Ausgrenzung der radikalen Linken in den damaligen Hochburgen der ArbeiterInnenbewegung. Statt der Arbeit in den Parlamenten war die solidarische Arbeit vor Ort, trotz aller anders lautenden ideologischen Behauptungen, zentraler Pfeiler kommunistischer Politik.
Ort: Bürgerinitiative Ausländische Arbeitnehmer e.V. (Rudolfstr. 5)
Beginn: 19.30 Uhr
Die IBA hat eines geschafft: Dank ihrer allgegenwärtigen Imagekampagne weiß ganz Hamburg, dass es mit dem einstigen "Problemviertel" Wilhelmsburg "aufwärts" geht. Offensichtlich versteht der Senat aber etwas Anderes darunter als die Menschen vor Ort. Infolge der südlichen Hafenquerspange wird noch mehr Verkehr durch Wilhelmsburg geleitet. Die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung scheint erwünscht und beschlossene Sache zu sein – ebenso wie die anhaltende Vernachlässigung "sozialer Brennpunkte" wie z.B. Kirchdorf-Süds. Ist eine solche Politik wirklich im Interesse der StadtteilbewohnerInnen? Eine Zusammenarbeit mit dem Senat, der IBA und der igs ist vor diesem Hintergrund nur Kosmetik. Aber welche Perspektiven besitzen die lokalen Initiativen vor Ort überhaupt noch für eine Alternative?
Ort: Bürgerhaus Wilhelmsburg (Mengestr. 20)
Beginn: 19.30 Uhr
Wilhelmsburg war zu Beginn des 20. Jahrhunderts...
...ein Ort sozialer Widersprüche und Konflikte. Die Lebenssituation in der noch bis 1927 eigenständigen Stadt war für den überwiegenden Teil der Bevölkerung, die ArbeiterInnen von den Werften, den Ölfabriken usw. schon in der Weimarer Republik katastrophal. Die geringen Löhne, von denen in der Regel gesamte Familien überleben mussten, zwangen sie, in der Nähe zu ihren Arbeitsplätzen unter einfachsten Bedingungen zu wohnen, zu schlafen und auf wenig Platz dicht gedrängt zusammenzuleben.
Das "rote Wilhelmsburg" prägten Auseinandersetzungen des organisierten, industriellen Proletariats mit den UnternehmerInnen in den Betrieben. Kämpfe für höhere Löhne, Streiks für bessere Arbeitsbedingungen, Mietboykotts, Erwerbsloseninitiativen etc. hatten kurzfristig eine Verbesserung der Lebensverhältnisse aller StadtbewohnerInnen zum Ziel. Schon zu dieser Zeit gab es vor allem von Seiten der Sozialdemokratie Bemühungen, die Menschen durch Reformen, Mitwirkung in den Parlamenten und Mitarbeit in der Partei einzubinden, was Forderungen nach grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft ihre Legitimität nahm, kanalisierte und ins Leere laufen ließ.
Der Widerstand gegen den Faschismus...
...in den zusammengelegten Städten Harburg und Wilhelmsburg war für die KommunistInnen und SozialistInnen selbstverständlich, schließlich bildeten die Faschisten die politische Kraft, die ihren Zielen gänzlich entgegen arbeitete. Schon vor 1933, aber auch nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten setzte sich die organisierte ArbeiterInnenschaft in Harburg-Wilhelmsburg gemeinsam mit anderen AntifaschistInnen hartnäckig erst offen, dann im Geheimen gegen die herrschenden Nazis zur Wehr. Alle riskierten ihr Leben, zahlreiche mussten fliehen, viele wurden ermordet.
In der Folgezeit...
...protestierten die BewohnerInnen der Insel wiederholt gegen verschiedene Missstände im Stadtteil, dessen Struktur sich aufgrund des Krieges und der Politik der Nationalsozialisten deutlich verändert hatte. Der Bau belästigender Straßen, die geplante Müllverbrennungsanlage, der Müllberg in Georgswerder, die Politik der Schillpartei, die mit ihren rassistischen Parolen versuchte, vor Ort Fuß zu fassen, die Armut usw. sind einige der zahlreichen Verfehlungen, gegen die sich in Wilhelmsburg Unmut äußerte. Wilhelmsburg diente dem "Tor zur Welt" als Hinterhof, auf dem die selbst geschaffenen Probleme der Hamburger Politik abgeladen werden konnten, damit sie aus dem Bild der Stadt verschwanden. Die eklatante Vernachlässigung des Stadtteils war kein Zufallsprodukt.
Und heute?
Die Veränderungen im Stadtteil sind groß. Laut den Plänen des Hamburger Senats soll Wilhelmsburg in naher Zukunft zu einem Stadtteil werden, in dem wohlhabendere, gutbürgerliche Mittelstandsfamilien wohnen, sich erholen und ihre freie Zeit verbringen können, während der Hafen weiter seinen Zugriff auf die angrenzenden Gebiete festigt. Mit den Millionen Euro teuren prestigeträchtigen Vorhaben wie der Internationalen Bauaustellung (IBA) und der internationalen gartenschau (igs) wird das Leitprojekt der Stadtentwicklungspolitik, der "Sprung über die Elbe", umgesetzt und aus der jahrzehntelang vernachlässigten Insel die "neue Mitte" der Stadt.
Vordergründig erscheint es, als ob der Senat auf die Wünsche der WilhelmsburgerInnen reagiert hat. Das Angebot an Mitwirkungsmöglichkeiten und Partizipationsgremien ist groß. Die Stadt und die IBA sind bemüht, sich möglichst volksnah zu präsentieren, um ihre Projekte zu verwirklichen. Aber auf wessen Kosten und zu wessen Gunsten? Wie andere Fälle belegen, wird die ökonomische Aufwertung schwerwiegende negative Folgen für die Bevölkerung haben: Arme Menschen werden aus dem Stadtteil verdrängt, die ohnehin für viele BewohnerInnen schwer zu zahlenden Mieten werden weiter steigen etc. Nicht die Menschen werden dementsprechend von der Umstrukturierungspolitik der Stadt profitieren, sondern die Unternehmen und die Senatskasse – wie es das alte Leitbild des Senats, die "Wachsende Stadt", vorsieht. Auch das neue Leitbild wird aller Voraussicht nach keine grundsätzliche Neuausrichtung der Senatspolitik beinhalten. Die Frage ist nur, werden die WilhelmsburgerInnen dieses Mal das Integrationsangebot der Politik annehmen und erneut ausbaden, was Andere ihnen einbrocken – oder werden sie für einen Stadtteil für alle kämpfen?
Die vierteilige Veranstaltungsreihe...
... "Ein Stadtteil für alle, eine Gesellschaft für alle! – Geschichte und Gegenwart sozialer Kämpfe in Wilhelmsburg" widmet sich der Geschichte der sozialen Konflikte in Wilhelmsburg und der aktuellen Debatte über die profitorientierte Stadtentwicklungspolitik, Gentrifizierung und mögliche Strategien des Widerstandes. Alle Interessierten sind zu den Vorträgen sowie zu den anschließenden Diskussionen herzlich eingeladen.