Dabei hat weder die Operation Enduring Freedom noch der ISAF-Einsatz in Afghanistan irgendetwas positives bewirkt. Von Wiederaufbau kann keine Rede sein ebenso wenig wie von Menschenrechten, Sicherheit oder von einem Ende des Hungers, der Armut und des Elends der afghanischen Bevölkerung. Im Gegenteil: Alle Indikatoren lassen darauf schließen, dass sich die Situation in Afghanistan verschlechtert hat. Diesen Standpunkt bestärken auch Umfragen, denen zufolge die deutliche Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik regelmäßig den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan und andere Auslandseinsätze ablehnt. An den politischen Entscheidungen ändert das jedoch nichts.
Das alles klingt herrlich irrational – vom Standpunkt der Vernunft. Nur funktioniert unsere kapitalistische Gesellschaft nicht nach den Maßstäben einer universellen Vernunft, die die Aufhebung von Leid, Ausbeutung und Unterdrückung zum Ziel hätte.
Wieso führen die NATO und ihre Verbündeten inklusive der Bundesrepublik denn überhaupt Krieg in Afghanistan, wenn erwiesen ist, dass ihr Handeln die Lage vor Ort nur noch schlimmer machen? Der so genannte „Kampf gegen den Terrorismus“ ist jedenfalls eine ideologische Farce: Die USA stärken z.B. der autoritären kolumbianischen Regierung den Rücken, obwohl erwiesenermaßen zahlreiche kolumbianische Militärs, Politiker der Regierungsfraktionen und andere Kooperationspartner der Regierung an Massakern und anderen entsetzlichen Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren oder sie sogar z.T. angeordnet haben. Die USA haben auch die Taliban früher finanziert und ausgerüstet. Eine besondere Distanz zum Terrorismus lässt sich also genausowenig erkennen wie die konsequente Einhaltung von geltenden Rechten.
Wenn man gezwungen ist, nach anderen Motiven für die militärische Offensive nach dem 11.September 2001 und die Besatzung Afghanistans zu suchen, kommt Licht ins Dunkel. Afghanistan ist eines der bedeutendsten Transitländer für Pipelines, durch die die reichhaltigen Erdöl- und Erdgasvorkommen Zentralasiens abfließen sollen. Sowohl die führenden NATO-Mitgliedsstaaten als auch die EU und die Bundesrepublik sind vom Import natürlicher Rohstoffe, vor allem der so genannten Energieressourcen, und vom Export ihrer eigenen Waren abhängig. Daher sind die Sicherung der Energieversorgung sowie der Transport- und Handelswege selbst erklärte Gründe für ihre sicherheitspolitischen Interventionen, d.h. für Kriege.
Der afghanische Staat ist als Nachbars Chinas, des Iran und Pakistans auch geostrategisch von besonderer Bedeutung. Es geht darum, wer die politische Kontrolle in der Region besitzt und wer Zugang zu Märkten erhält.
Die herrschende Vernunft in unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen ist also offensichtlich unvernünftig. Sie ist nicht universell, sondern partikular. Nicht der Aufbau einer friedlichen Gesellschaft ist das Ziel der deutschen Kriegspolitik, sondern die Anhäufung ökonomischen Reichtums und die Ausdehnung politischer Macht. Einige Konzerne und Politiker bereichern sich auf Kosten zahlreicher Menschen und der Natur und stellen sicher, dass Ausbeutung und Unterdrückung auch global Bestand haben.
Aus dieser Logik heraus ist es auch verständlich, warum der antimilitaristische Widerstand in der Bundesrepublik schon im Ansatz kriminalisiert, warum die Antikriegsbewegung politisch bekämpft und die Meinung der Bevölkerung übergangen wird, während Bundeswehroffiziere und -soldaten nicht verurteilt, maximal entlassen werden, obwohl sie offenbar Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Die Bundeswehr und ihre Kriege sind Instrumente der herrschenden Kapitalistenklasse. Wer sich gegen sie wehrt, steht zwar auf der Seite der Vernunft, ist aber eine Bedrohung für den ökonomischen Profit und die Macht der Kapitalisten. Seien wir vernünftig. Beenden wir die neoimperialistischen Kriege und beheben wir ihre Ursachen.
Bundeswehr raus aus Afghanistan jetzt!