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Dr. Verleger hat mit viel Ironie und detaillierten historischen Kenntnissen im Wesentlichen die zentralen Entwicklungsschritte der zionistischen Bewegung vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1948 nachgezeichnet.

Seine Wurzeln hat ihm zufolge der Zionismus in den nationalstaatlichen Bewegungen, von denen es viele in Europa im späten 19. Jahrhundert gegeben hat. Anders als die europäischen Völker verfügten Juden allerdings über kein Territorium. Gleichzeitig sind diese Völker jedoch auch nicht über viele Jahrhunderte Opfer von Verfolgung und Gewalt gewesen. Die Forderung nach einer sicheren Heimstätte für Juden – die zentrale Forderung des Zionismus – war daher in diesem Kontext nicht ungewöhnlich, sondern nachvollziehbar und legitim. Dennoch waren anfangs nur wenige Juden von dieser Idee, die am deutlichsten von Theodor Herzl in seinem Werk Der Judenstaat formuliert wurde, überzeugt. Die Gründung eines eigenen Staates war unter den Juden der verschiedenen politischen Couleur umstritten. Vor allem sozialistische und kommunistische Juden lehnten die Forderung nach einem Nationalstaat ab, weil dieser die Probleme der kapitalistischen Produktionsweise nicht lösen könne. Auch die zionistischen Juden stritten über Jahrzehnte heftig über ihre politischen Forderungen. Kein/e GegnerIn des Zionismus wäre damals – anders als heute – als Antisemit denunziert worden. Anfang der 1930er Jahre – d.h. noch vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten in Deutschland – setzte sich allerdings der revisionistische Flügel innerhalb der zionistischen Bewegung durch. Dennoch wandte sich die Mehrheit der Bewegung noch 1944 ausdrücklich gegen die Gründung des Staates Israel, weil man die Araber nicht von ihrem Land nicht vertreiben wollte. Unter dem Eindruck der Shoah änderte sich dies.

Dr. Verleger verortet die Ursachen des heutigen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern jedoch nicht in der jüdischen Besiedlung Palästinas, sondern in der spezifischen historischen Konstellation, die vor 1933 von den Fehlern der ehemaligen Besatzungsmacht Großbritannien geschaffen worden ist und die durch die Shoah und die Verletzung der Rechte bereits in Palästina lebender Völker durch die Besiedlung verschärft worden ist. Daher sei die Gründung des Staates Israel „die klassische Tragödie“ gewesen. „Es ist kein Konflikt zwischen Gut und Böse, sondern ein Streit um ein Stück Land, das den Arabern Heimat und den Israelis Zufluchtsort vor Verfolgung und Massenmord war.“

Parallel zur Staatsgründung und noch stärker danach, so Dr. Verleger, wandelte sich der Charakter des Zionismus. Von einer nationalistischen Bewegung wurde er zu einer staatstragenden Ideologie, die die neue Identität und innere Homogenität des Staates Israel herstellen sollte. Rolf Verleger formulierte es in seinem Vortrag wie folgt: „Zionisten haben den Zionismus zum Ersatz des Judentums gemacht.“ Ein zentrales Element dieser Ideologie sei die „Opfermentalität“, wie sie Hannah Arendt bereits in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft als Kehrseite des Antisemitismus kritisiert hatte. Rolf Verleger beschrieb sie folgendermaßen: „Wir waren damals Opfer und werden wieder Opfer sein. Wir können nur selber stark sein. Wer das bezweifelt, ist Antisemit, weil er die Juden dem Tod aussetzt.“ Es ist kein Zufall, wenn diese Beschreibung an ein zentrales Ideologem neokonservativer „Antideutscher“ oder an die Worte von Angela Merkel erinnert: Es ist ein Teil deutscher „Staatsräson“, das derzeit immer häufiger zur Legitimation von Kriegen und der bedingungslosen Unterstützung israelischer Staatspolitik – die sich z.B. in den ungebrochenen Lieferungen deutscher Waffen an Israel manifestiert – benutzt wird.

In der Diskussion nach dem Vortrag zog der Referent jedoch aus der – spezifisch jüdischen und zugleich menschlichen – Geschichte andere Konsequenzen als die deutsch-befindlichen „Antideutschen“, die deutsche Bundesregierung oder die israelische Regierung: „Wenn es das einzige ist, was man aus dem Faschismus gelernt hat, dass man keine Juden mehr anfassen darf, aber mit allen anderen machen darf, was man will, ist das keine Lehre aus der Geschichte.“

Es gebe zwei Dinge, so Dr. Verleger weiter, die Israel heute tun müsse: Erstens müsste es sich öffentlich für die Leiden der Palästinenser von 1948 fortfolgende entschuldigen und zweitens müsste es mit den gewählten Repräsentanten der Palästinensern über einen ehrlichen Frieden verhandeln. Eine Veränderung der israelischen Politik zu fordern, ist längst überfällig und weiterhin dringend geboten. Die Kritik an ihr ist unerlässlich – und keineswegs antisemitisch.


Für weitere Informationen zum Thema empfehlen wir Dr. Rolf Verlegers Buch Israels Irrweg – eine jüdische Sicht und Prof. Dr. Moshe Zuckermanns jüngste Arbeit 60 Jahre Israel.


Des Weiteren würden wir uns über ähnliches Interesse an der nächsten Veranstaltung zum Thema Der Fall Afghanistan: Deutsche Interessen am Hindukusch. Oder: Krieg am Hindukusch im 9. Jahr – Gibt es eine Chance auf Frieden? mit Lühr Henken vom Hamburger Forum freuen. Sie findet am 11.5.2010 im Bürgerhaus Wilhelmsburg um 19.30Uhr statt.